Garten und Zwerge

6. Skulpturenprojekt auf der Hardt

Vernissage am Sonntag den 3. Juli 2016 um 11 Uhr
im Botanischen Garten, Elisenhöhe 1, 42107 Wuppertal

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr
Die Ausstellung läuft bis Ende Oktober

Eine Ausstellung in Kooperation mit dem Verein der Freunde und Förderer
des Botanischen Gartens Wuppertal e.V.

Das erheuchelte Paradies oder
Von der Bösartigkeit des Harmlosen

von Andreas Steffens

Das meiste dessen, was wir empfinden und denken, empfinden und denken zwar wir, aber es drückt nicht uns aus. Nicht unser Leben tritt darin zutage, sondern das gemeinsame, dessen Teil wir sind, das Leben, das uns hervorbrachte, das wir mit unserer Existenz, ihm folgend und gehorchend, weiterführen. So ist das meiste dessen, was wir für unser individuelles Bewusstsein halten, tatsächlich stellvertretender Ausdruck eines kollektiven Unbewussten.

Der Gartenzwerg ist dessen vollkommene Projektion, und die deutscheste aller deutschen. In ihm materialisiert sich die Bewusstlosigkeit der Bedingungen des Daseins als Lust seiner Verklärung. Das ewig lächelnde Gipsmännchen verkörpert perfekt die Sehnsucht des Kollektivs. Eifrig, unermüdlich, bar jeder Größe, sinnlos glücklich: der vollkommene Trottel, unbeirrt werkelnd an der Illusion der perfekten Welt. Heger im Paradies der Gemütlichkeit. Miniaturgott des Glücks der Zustimmung. Miniaturmonument hegelscher Metaphysik der Einheit von Wirklichkeit und Vernunft. Alles, was ist, ist gut so, wie es ist. Kann die Welt denn schlecht sein, wenn der Vorgarten so schön ist?

Der triumphierend grinsende Zwerg erhebt das Ungeheuer des Idioten zum Prototypen des glücklichen Menschen. Er ist das Bild der Selbstzurichtung, um deren Preis unter den gegebenen Bedingungen des Weltzustandes noch eine minimale Chance darauf besteht, nicht hoffnungslos unglücklich zu sein.

Das Glück ist enteignet. Seine Surrogate sind Prämien der Unterwerfung unter eine Ordnung, die das Unglück vieler als Voraussetzung des Glücks weniger rund um die Welt tagtäglich erzeugt. Ihr Prototyp wurde der nun globalisierte Kleinbürger, der teilhat an allen Segnungen der Zivilisation, außer an der Macht, über sie zu bestimmen. Klein zu sein, und zu bleiben, ist sein Stolz, als Kehrseite der Lust, nicht dagegen aufzubegehren, niedergehalten zu werden.

Der ‚kleine Mann‘, der weiß, dass seine Willfährigkeit die sicherste Garantie der Ordnung ist, auf deren Unzulänglichkeiten er genüsslich schimpft, liebt die großen Abstraktionen der Ideologie, deren Leere ihm ermöglicht, das Offenbare zu übersehen, und die Verniedlichungen. Selbstgefällig isst er sein ‚Bütterchen‘. Erst klein ist alles gut. Vor allem aber liebt er seine eigene Kleinheit. Triumphal sieht er in ihr den Ausdruck seiner Überlegenheit. Indem er sich für kleiner hält, als er ist, und weiß, dass sein Stillhalten die Großen groß sein lässt, erhebt er sich über alles, was ihn überragt. Wie sein Zwerg ist er ein ganzer Kerl, nur winzig klein. Wie er, wirkt er im Verborgenen. Niemand hat ihn je etwas tun sehen, und doch verändert sein Nichtverhalten die Welt mit jedem Tag, indem es den für die Ordnung der Wenigen Tätigen freie Bahn lässt, wie die Zwerge, die unbemerkt ihr nächtliches Werk verrichten.

Das Nichtaufkommenwollen ersetzt den Ohnmächtigen den Stolz, den sie mit Selbstgefälligkeit verwechseln. Denn sie wissen: sich nicht zu wehren, macht die Überlegenen wehrlos. Es zwingt die Mächtigen, den Ohnmächtigen die Lebensverhältnisse zu gewähren, die sie still halten lassen. Herrschaftlich klug, tatsächlich dafür zu sorgen, werden sie unangreifbar. Das materiell beglaubigte Empfinden der Teilhabe macht die Revolte überflüssig. Dass an seiner Armut niemand mehr sterben muss, rechtfertigt sie im Paradies der mitteleuropäischen Gesellschaften als unvermeidlichen Bestandteil ihrer Ordnung, deren Stabilität auf dem Einverständnis der Masse der ‚kleinen Leute‘ beruht: auf dem Willen, klein zu bleiben. Die Bescheidenheit einverständiger Ohnmacht gewährleistet ihre Dauer.

Man müsste mutig sein. Aber das ist lästig. Also erträgt man die komfortabel ausgestattete Niedrigkeit. Die Verhältnisse, sie sind nicht so; weil sie so sind. Also bleiben sie, wie sie sind, weil man sie nicht anders, sondern es nur selbst besser haben möchte.

Der Gartenzwerg ist das Monument der Unmündigkeit. Er signalisiert Einverständnis mit der Macht, deren Großzügigkeit anzuvertrauen, zwar nicht an ihr, aber den Annehmlichkeiten teilzuhaben, die die Ordnung bietet, die sie schafft. Er ist das Monument des anonymen Heroismus, alles Falsche auszuhalten um der eigenen Ruhe willen. Heldenbild des Duckmäusers, der das Bisschen an Weltteilhabe im stillen Winkel genießen will, das die Besitzer der Welt ihm zu ihrer eigenen Ruhe zugestehen.

Der psychische Kitt dieser Wirklichkeitsverleugnung auf Gegenseitigkeit ist der Kitsch. Schlimmer als der Böse ist die Leugnung des Bösen. Sie ist das Wesen des Kitsches. Es zeigt sich in der Verwechslung der ethischen mit der ästhetischen Kategorie, er will nicht ‚gut‘, sondern ‚schön‘ arbeiten, es kommt ihm auf den schönen Effekt an*. Der Kitsch will Schönheit überall und jederzeit. Vor allem aber dort, wo die Wirklichkeit sie radikal verhindert. Er will sie um jeden Preis.

Vollkommenes Realsymbol einer erwünschten Welt, in der es nur Schönes geben soll, ist der Gartenzwerg das Leitbild derer, für die es nichts gibt, das sich nicht mit dem grinsenden Verweis gerechtfertigt finden ließe, doch auch nur ein Mensch zu sein.

Wer Kitsch erzeugt, ist nicht einer, der minderwertige Kunst erzeugt, er ist kein Nichts- oder Wenigkönner, er ist durchaus nicht nach den Maßstäben des Ästhetischen zu werten, sondern er ist ein ethisch Verworfener, er ist der Verbrecher, der das radikal Böse will.* Und wenn er es nicht will, so duldet er es doch.

Als Lüge der Schönheit selbst vollendete Hässlichkeit, erklärt der Kitsch die Hässlichkeit als Wahrheit der Welt zur Lüge.

In die strenge Ordnung hübscher Vorgärten gerettet, soll das Paradies nicht verloren sein. Aus der Hölle in sie entsandt, winken ihre Zwerge harmlos freundlich zu, wie schön es selbst dort noch ist: Alles ist gut.

Nur eine Welt, in der es Schönes nicht mehr als Verleugnung des Falschen gäbe, könnte gut werden.

* Hermann Broch, Das Böse im Wertsystem der Kunst, in: ders., Schriften zur Literatur 2, Ffm 1975, 150; 154